Texte über Friederike Oeser


Elmar Zorn

Publizist

Grafische und plastische Zwischenwelten: Gestaltungen im Zwischenbereich der Gattungen Zeichnung, Druck und Skulptur

 Friederike Oeser: Souverän-frische Farb- und Formkombinationen


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Hanne Weskott

Kunstkritikerin

„Die Welten festhalten“

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Hanne Weskott über Friederike Oeser

Die Welten festhalten

Erschöpft lässt sich eine junge Familie auf einer Parkbank im Zoo nieder. Da kommt ein frecher kleiner Spatz und pickt einen Krümel auf. „Schau ein Vogel“, ruft die fünfjährige Tochter. Die große Welt der Tiere hat dem Kind die Sinne geschärft, auch für die kleine Welt um sie herum. Für es gilt noch nicht, was der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel in einer seiner zahlreichen Kolumnen feststellt: „Die Welt ist klein geworden, weil sie nicht mehr im Kleinen stattfindet.“ Und: „Wir verlieren die Welt, weil wir die Welten verlieren.“ Wenn man Kindern Zeit lässt, entdecken sie immer neue Welten, aber leider heißt es heut meist nur noch: „Beeil‘ dich!“. Diese Beschneidung der kindlichen Welt bedeutet für das Kind einen herben Verlust, der Verlust seiner eigenen kleinen Welten, zu der das vermeintliche Vertrödeln der Zeit ebenso gehört, wie das genaue Beobachten der scheinbar unwichtigen Vorgänge des Alltags. Denn, wer von den Erwachsenen lauscht noch in aller Ruhe den Gesprächen im Wirtshaus oder Biergarten, wer schaut den Bauern auf dem Markt oder dem Mann am Schreibtisch in dem kleinen Büro zu, in dem das Fenster wegen der Hitze offen steht? Kinder würden sofort bemerken, wenn ihm die Asche von der Zigarette herunterfällt oder er sich mit dem Bleistift am Kopf kratzt, aber sonst? Die Künstler selbstverständlich, die Zeichner und Maler, die Dichter und Schriftsteller. Sie sorgen dafür, dass die kleinen Welten nicht ganz verloren gehen.

Eine, die sich fast ausschließlich auf diese kleinen Welten konzentriert, ist Friederike Oeser. Ihr Atelier ist nur noch Werkstatt, in der gerahmt, sortiert und aufbewahrt wird. Die eigentliche künstlerische Arbeit aber findet draußen statt: im Cafe, im Museum, am Flughafen, im Biergarten, eigentlich überall, wo Menschen zusammenkommen, zufällig oder absichtlich, nicht um die große Welt zu verändern, sondern ihr kleines Leben zu leben. Überall kann Friederike Oeser mit ihrem Skizzenblock, den dicken Malkreiden, den Bunt – und Bleistiften und manchmal auch dem Kugelschreiber auftauchen. Sie setzt sich in eine Ecke, beobachtet, und irgendwann beginnt sie zu zeichnen und zu malen, schreibt in Bildern nieder, was sie sieht und hört. Dabei geht es nicht um eine detailgerechte realistische Schilderung, sondern um eine künstlerische Reaktion, in der Einzelheiten der Wahrnehmung als Kürzel vorkommen: ein Geländer, ein Fuß, eine Hand, ein Stuhl. Manchmal sind auch skizzierte Portraits dazwischen, weil sie einfach für ihr Leben gern portraitiert. Einzelne Wörter tauchen auf und ganze Texte, Zahlen, Datums – und Ortsangaben. Immer spielt sich das Bildgeschehen auf unterschiedlichen Ebenen ab, aber ohne dass ein illusionistischer Raum konstruiert wird. Das Auge muss vor – und zurückspringen und sucht vergeblich nach einem Halt oder einer Orientierung, weil eine vorgegebene Leserichtung nicht existiert. Die Geschichten, die Friederike Oeser in ihren meist kleinformatigen Zeichnungen erzählt, entfalten sich nicht linear, sondern sind von jedem Punkt aus zu dechiffrieren, wobei ein einmal erzieltes Ergebnis keinesfalls absolut zu nehmen ist. Beim nächsten Mal, ja schon wenige Minuten später kann es ganz anders aussehen. Normalerweise arbeitet sie in Serien, deren Zusammenhalt aus einer örtlich-zeitlichen Klammer besteht, das heißt, sie sind am selben Ort in einer Arbeitsphase entstanden, erzählen aber dennoch keine fortlaufende Geschichte, sondern viele kleine Geschichten oder auch dieselbe mehrfach, aber auf unterschiedliche Weise.

Anders als die Pleinair-Maler des 19. Jahrhunderts, die mit der Staffelei auf dem Rücken in die Natur zogen, sucht Friederike Oeser nicht Wahrhaftigkeit. Natur – oder Kunstlicht sind ihr ziemlich egal, ebenso Tageszeit und Witterung. Es geht ihr nicht darum, Gesehenes oder Offensichtliches wiederzugeben, sondern aus dem Erlebten ein Bild zu machen, das einerseits eng mit dem Erlebnis zusammenhängt, andererseits in seiner Gestaltung davon völlig unabhängig ist. Die Wirklichkeit ist nur eine Art Stichwortgeber. Deshalb sucht sie auch nicht die großen, weltbewegenden Ereignisse, sondern die kleinen Welten, den Alltag, das Unspektakuläre, auf das sie ohne große Vorbereitung reagieren kann. Im Zentrum ihrer Kunst steht letztenendes sie selbst. Es ist ihr Blick, ihre Art der Weltsicht, ihr Umkreisen der Wirklichkeit, die sie wie Musik umgibt und ihr die Inspiration zur Umsetzung in Kunst verleiht. Nur so kann sie für ihre Bilder und Zeichnungen die angestrebte Offenheit erreichen, kann sich ihrer Hand überlassen und mit den Stiften frei fabulierend Linien ziehen, Farben wählen und Formen entwerfen. Nur so wird jede Erklärung der Bilder von Friederike Oeser von den Urelementen, Farbe, Linie, Fläche ausgehen und nach inhaltlichen Deutungsversuchen auch dorthin wieder zurückkehren, weil die Botschaft eine rein malerische und keine inhaltliche ist. Deshalb gibt es auch nicht die Deutung, sondern viele Deutungen. Friederike Oeser will mit ihrer Kunst nicht ein Bild der Welt entwerfen, sondern die Phantasie des Betrachters anregen, ihn dazu animieren, wie die Kinder, wenn man ihnen Zeit lässt, die kleinen Welten aufmerksamer wahrzunehmen und so immer neue Entdeckungen zu machen.

Klaus von Gaffron

1. Vorsitzender des Berufsverbandes Bildender Künstler München und Oberbayern

Die Wirklichkeit ist Ideengeber / Narrativ und offen für viele Interpretationen / Spontan im spielerischen Prozess

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Die Wirklichkeit ist Ideengeber / Narrativ und offen für viele Interpretationen / Spontan im spielerischen Prozess

Das sind drei Beschreibungen, die in Kurzform konkret die Arbeitsidee von Friederike Oeser einkreisen.

Dieses Arbeitsdenken setzt sie nicht in einem geschützten Atelier um, sondern geht in den öffentlichen Raum. Das heißt nicht, dass die Künstlerin kein Atelier hat und Not gedrungener weise in den ungeschützten Außenraum geht. Nein, das Atelier ist der Ort für die Vorbereitung der Reisen, für das Planen, ein Ort des Archivierens. Von Anfang an war das Leben von der Künstlerin durch Mobilität geprägt. Das Reisen ist Inhalt geworden. Ein Reisen, das nicht das Abhaken von Ländern bedeutet, sondern ein Reisen mit vielem Innehalten, dem neugierigen Auge Zeit zu geben, Gesehenes auf zu nehmen, aus einem Ganzen die Feinheiten und kleinen Hinweise heraus zu filtern, durch die Oberfläche eines Ortes in das innere Geflecht einzudringen, um die eigene Wahrnehmungssensibilität zu fordern und zu schärfen. Es ist ein langer Entwicklungsprozess, der bis zu dieser bewussten, man kann sagen selbstbewussten Haltung führte. In diesem Entwicklungsprozess hat sich Friederike Oeser in ihren Arbeiten immer mehr von der geübten Abbildhaftigkeit gelöst, in der nie die Schönung der Wirklichkeit von Interesse war. In ihrer Detailgenauigkeit erforschte sie schon Strukturen, die mehr bloß legten, als dass es dem Betrachter gefiel. Das war besonders bei ihren Portraitarbeiten der Fall. Auch in der Wahrnehmung von Orten ist die Sprödigkeit, der Verfall ( nicht negativ gesehen ), die Unordnung mehr als glatte Fassaden oder geschleckte Marktplätze in ihrem zeichnerischen Fokus. Glattheiten lassen dem Blick wenig Spielraum und sind mehr für ein schnelles Abhaken geeignet. Erst die kleinen Verwerfungen, Unebenheiten, Risse u.s.w. geben den Empfindungen den Raum, der Leidenschaft beim Sehen zulässt. Das verdichtete Bildgeschehen erzählt Geschichten auf unterschiedlichen Ebenen in einer der Künstlerin eigenen Formensprache, die in ihrem zeichnerischen Aufbau Geschehnisse, Gesehenes in sich bergen, aber die Zuordnungskriterien sind der Bildgestaltungsidee der Künstlerin untergeordnet. Es geht nicht darum, Offensichtliches wiederzugeben. Aus den Realitätsvorgaben werden Dinge und ganze Partien ausgeblendet und die so entstandenen Formen werden je nach Wertigkeit neu zusammengefügt. Dadurch ergeben sich viele Deutungsansätze, die von Betrachter zu Betrachter variieren, und das Unternehmen, eine eindeutige inhaltliche Deutung zu versuchen, wird scheitern. Die Arbeiten besitzen die Qualität, die die Fähigkeit anstößt, neue Entdeckungen direkt oder indirekt machen zu können. Da die Bilder in ihrer mehr hellen und luftigen Farbigkeit keine negative Ausstrahlung haben, wird uns der Zugang erleichtert. Trotzdem fordert das Lesen der Bilder von Friederike Oeser von uns die gleiche Konzentration und die Leidenschaft, die von der Künstlerin in die Entstehung der Bilder gelegt wurde. Friederike Oeser ist eine Zeichnerin aus Überzeugung, sei es, aus dem Gefühl heraus, dass sie in der Zeichnung eine stärkere Eigencharakteristik entwickeln kann oder sei es, dass der Kontakt zwischen ihr und dem zu bearbeitenden Papier durch den Zeichenstift, der Ölkreide direkter als mit dem Malpinsel ist. Sie spürt die Leichtigkeit des Stiftes, wenn zarte oder flüchtige Linien über das Papier huschen oder sie spürt die Schwere der Ölkreide, wenn sie eine verdichtete Farbfläche gestaltet, eine grobe schwere Linie oder ein fragmentarisches Kürzel setzt. Diese zeichnerischen Mittel deuten Wege durch das Bild an ohne an einen Deutungspunkt zu führen. Kein roter Faden führt durch die Bildwelt. Die Linien wiederholen sich nicht und sind auch nicht begrenzend. Wir müssen immer wieder neu ansetzen und uns durch neue Farbfelder tasten oder den in ihrer Unterschiedlichkeit der Dichte den kurzen oder fragmentarischen Verweisen folgen und werden mit immer neuen Entdeckungen belohnt. Wie es, in der sie umgebenden Wirklichkeit, keine Wiederholungen gibt, so finden wir in den Bildern ebenso keine Wiederholungen. Auch, wenn wir diese vermuten, da die Bilder durch die der Künstlerin eigenen Charakteristik Ähnlichkeiten besitzen, so sind es eben Ähnlichkeiten, aber keine Wiederholungen.

Nur beim Papierformat können wir sie finden. Die Papierformate sind fast immer quadratisch. Das Quadrat ist nicht nur eine kunstgeschichtlich wichtige Formatfestlegung. Friederike Oeser arbeitet, wie gesagt im Öffentlichen Raum, und so besteht das Arbeitsinterieur nur aus zwei Böcken, auf denen eine Platte liegt und hierauf bearbeitet sie ihre Papiere. Das Quadratformat hat durch die gleichen Seitenlängen von allen Seiten die gleichen Ausgangspunkte bei der Bearbeitung und so kann sie das Papier immer wieder drehen und von diesem neuen Punkt unter gleichen Bedingungen die Bearbeitung weiter fortführen. Wie wir sehen, bleibt der Hintergrund immer offen, die Ecken werden nicht besetzt und so scheinen die Bildinhalte wie Raumschiffe auf der Papierfläche zu schweben. Skurrile Raumschiffe, inhaltsschwer im Mittenbereich. Durch große Farbdichte oder größere Flächeneinheiten geprägt, entsteht durch diese Verdichtung eine Eigendynamik. Ein zeichnerischer Ideenkörper nimmt mit uns Kontakt auf, durchzogen von feinnervigen Strichen, die nicht künstlich aufgesetzt sind, sondern immer wieder aus dem Gesamten herauswachsen. Sie verselbstständigen sich und machen sich frei von dem Darunter. Es sind Bildgeschehnisse, die narrativ und offen für viele Interpretationen sind. So bleibt die Wirklichkeit Ideengeber. Spontan, wie im spielerischen Prozess entwickelt, sind die Bilder fertig, wenn die Künstlerin den gewählten Beobachtungsort wieder verlässt. Weitgehendst wird bei dem Entstehungsprozess nicht korrigiert. Bilder entstehen, wie Momentaufnahmen einer kleinen Zeiteinheit, eines kleinen Ortsausschnittes, eng mit dem Orterlebnis – seien es die Menschen, die Witterung, das Licht u.s.w. – verbunden, aber in der Gestaltung unabhängig davon.

Klaus von Gaffron (1. Vorsitzender BBK Berufsverband Bildender Künstler)

Jana Kukaine

Kunstkritikerin, Riga, Lettland

The Presence of Friederike Oeser

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Jana Kukaine

 The Presence of Friederike Oeser

Ein Stück Wassermelone, die Frische von Gras, das Aroma von Limonen, die Süße von Erdbeeren und das Gefühl einer frischen Brise vom Meer … Diese typischen Bilder des Sommers sind die ersten Assoziationen, die mir in den Sinn kommen, wenn ich die Arbeiten von Friederike Oeser betrachte. Das rührt wahrscheinlich her von ihren leuchtenden Farben, von den locker zusammengefügten unterschiedlichen Formelementen und vor allem von der Intensität der Arbeiten und ihrer positiven Grundstimmung. Da gibt es keinen Hauch von kühler und trüber Selbstbespiegelung oder von Melancholie. Friederikes Arbeiten zeugen von Wachheit, nicht von Träumerei, von Entschlossenheit, nicht von Zögern, von Aktivität, nicht von geduldigem Abwarten. Sie vermitteln eine lebhafte Teilnahme an allem, was das Leben ausmacht, sei es unbedeutend oder großartig. Das resultiert in einem beneidenswerten „Hier und Jetzt“-Bezug und einer Präsenz, die bis ins letzte Detail durchdacht ist.

Diese Ausstrahlung bezieht sich keineswegs auf einen statischen oder starren Zustand; in ihrer Fülle scheinen die Arbeiten sich vielmehr in vielen kleinen Bewegungen und Szenen zu entfalten, deren charakteristische Formen so vielfältig sind, daß es unmöglich wäre, sie in einer eindeutigen Beschreibung zu erfassen. Es stimmt, daß die Arbeiten der Cut-Out-Serie zunächst den Eindruck von Unordnung, sogar von Chaos hervorrufen können, wobei die Wirkung der sperrigen Formen und Linien noch verstärkt wird durch die ruhige Atmosphäre der Galerieräume, in der sie gezeigt werden. Es scheint, als seien wir unerwartet Zeugen geworden vom Leben einer, sagen wir einmal, temperamentvollen italienischen Familie. Ausrufe, Gesten, Durcheinander von Stimmen und Geräuschen, Türenschlagen, Gelächter … So aufdringlich solche Szenen sein können, so vermute ich doch, daß sich in ihnen eine Art von Präsenz zeigt, die auf dem unbezwingbaren Drang beruht, sich an den Lebensäußerungen der anderen zu beteiligen, und auf dem Bedürfnis, sich selbst Gehör zu verschaffen.

Der Eindruck der Unordnung in der Anlage der Arbeiten verschwindet bei genauerer Betrachtung jedoch schnell. Wenn man nämlich genauer hinsieht, wird deutlich, daß die Komposition bemerkenswert ausgewogen ist, wobei sie dennoch den Eindruck der Ungezwungenheit und Spontanität beibehält. Die Künstlerin hat ihre ausdrucksstarken Bildeindrücke – diese heißblütige italienische Familie – erfolgreich so angeordnet, daß jedes Bildelement wie Farbe, Form und Linie sowohl Raum hat, sich zu entfalten, als auch seine Unabhängigkeit von der Umgebung zu bewahren. Gleichzeitig erweckt es aber auch den Eindruck, eben dieses Bildelement sei der Schlüssel zum gesamten Erscheinungsbild. Es ist tatsächlich unmöglich, die zentralen Elemente von den peripheren zu unterscheiden oder festzustellen, welches die Führungsrolle hat und welches nur Ergänzung ist. Mit feinem Gespür hat Friederike Oeser erreicht, dass sich Flächen überlappen und Farben vermischen und doch alle Linien sich so frei entfalten und dahinfließen als ob sie nicht durch eine menschliche Hand, sondern zufällig entstanden seien.

Zusätzlich ruft die dreidimensionale Struktur der Arbeiten im Betrachter eine gewisse Dynamik hervor, vor allem weil diese „Skulpturzeichnungen“, wie die Künstlerin sie nennt, tatsächlich an räumliche Zeichnungen erinnern. (Die Kontinuität dieser Entwicklung kann man leicht erkennen, wenn man einen Blick auf Friederikes frühere Arbeiten wirft.) In der Vorstellung des Betrachters können die einzelnen Teile der Gesamtkomposition sogar anfangen sich zu bewegen und, als seien sie durch einen geheimen Mechanismus in Gang gesetzt, sich um ihre Achsen zu drehen und auf und ab zu schwingen wie ein buntes Karussell oder eine Theatervorstellung mit Masken. Dieser Eindruck ist vielleicht kein Zufall, denn Friederike bestätigt, daß sie oft durch technische Gegenstände und Maschinen inspiriert wird. Auch der hektische Verkehr in den Städten und die Ströme von Menschen dort beeinflussen sie – und so ist ein Großteil ihrer Arbeit an bewusst ausgewählten Orten in unterschiedlichen Städten der Welt entstanden.

Die Cut-Outs fangen tatsächlich einiges vom Rhythmus sich drehender Zahnräder ein und von Städten, die niemals schlafen. Jedoch hat die Künstlerin die städtischen Formen durch wuchernde Ranken um die rechteckigen Gebäude und durch liebevoll angelegte Gärten in den gepflasterten Hinterhöfen deutlich gemildert. Die mit Ölkreide verschmierten Hände der Künstlerin rufen einem die erdigen Hände eines Gärtners in den Sinn, der gerade seine Arbeit im Gartenboden beendet hat. Der unmittelbare Kontakt der warmen Menschenhand mit dem Zeichengrund und die ölig-schmierige Oberfläche sind die Bezugspunkte, die es erlauben, an die Cut-Outs auch in diesen Kategorien, nämlich dem Bearbeiten des Bodens, zu denken – nur ist der Maßstab kleiner und intimer.

Das Mechanische und das Organische sind nur einer der gegensätzlichen Aspekte, die in Friederikes Arbeiten erstaunlich gut harmonieren. Ihr weitgespanntes Netzwerk an Bezügen umfaßt die Plakativität der Pop Art, die Unverfrorenheit von Grafittis, die ausgreifenden Gesten des Abstrakten Expressionismus, die Kantigkeit des Kubismus, die die Fläche aufbrechende Struktur der Assemblage, Kandinskys reine Farben und etwas Undefinierbares, nämlich eine Art verborgener Naivität. Die Interpretation der Arbeiten liegt völlig beim Betrachter; die Künstlerin will in keiner Weise diesen Prozess durch irgendwelche Hinweise einschränken. Ihr kurzer Kommentar – „Ich arbeite an öffentlich zugänglichen Orten, um Dinge. die ich sehe, höre oder lese, in eine neue Sprache zu transformieren“ – hilft denjenigen wenig, die versuchen, in Friederikes Arbeiten die versteckten Bezüge auf reale geographische Örtlichkeiten zu „entziffern“.

Ich glaube nicht, daß diese von Friederike erfundene neue Sprache ein begrenztes System ist, das heißt eine Gesamtheit von festgelegten Symbolen, die man auswendiglernen könnte – in diesem Sinne ist es wahrscheinlich treffender, an diese Sprache als an eine Abfolge von einzelnen „Sprechvorgängen“ zu denken. Jedes ihrer Kunstwerke ist nämlich auf jeden Fall neuartig und vermutlich nicht wiederholbar, obwohl man es als eingebettet sehen könnte in eine umfassendere Gesamtheit von Stilelementen, die dann die „künstlerische Ausdrucksweise“ genannt werden kann. Diese spontane Sprache zu verstehen, die ständig mit immer neuen Bestandteilen vervollständigt wird, dürfte eine schwierige Aufgabe sein. Sie kann sowohl Bildeindrücke und eine Ansammlung von Objekten wiedergeben, die während der Arbeit zufällig aufgetaucht sind, als auch Gedanken und Gefühle ausdrücken – wie die Krakel in einem Notizbuch, die nur der Verfasser entziffern kann. Auch der Titel der Arbeiten – „Cut-Outs“ – deutet auf eine gewisse Distanziertheit hin, auf die Unzugänglichkeit des ursprünglichen Sinnzusammenhangs. Sie sind tatsächlich ausgeschnitten, doch die Frage bleibt bestehen – aus was ? Die Faszination der ganzen Serie beruht auf der Unlösbarkeit dieser Frage.

Einen ganz anderen Tonfall kann man bei den „Plexi Cut-Outs“ feststellen, die aus Acrylglas gemacht sind. Die Komposition dieser Arbeiten ist ausgewogener, mit einem Schwerpunkt im Zentrum, subtileren Farben und raffinierteren Formen. Man sehe sich zum Beispiel nur die sorgfältig gesägten Kanten an, die Proportionen und die Abstände zwischen den einzelnen Teilen oder das exquisite Ornament, das diese Flächen schmückt als seien sie Blütenblätter einer Rose ! Die assoziativen Verknüpfungen dieser Arbeiten reichen sehr weit – vom milden bläulichen Dunst eines frühen Morgens und den Rinnsalen von Regentropfen auf einer Windschutzscheibe bis zu den schillernden Fächern von Tänzerinnen und einem Modell der neuesten Modekollektion. In dieser Serie hat sich der Sinn der Künstlerin für ausgewogene Kompositionen noch weiter verfeinert, jedoch hat die Ausführung nun eine feminine Zartheit und sogar Koketterie erhalten. Obwohl die Technologien des 21. Jahrhunderts eingesetzt wurden, um die Werke zu realisieren, deutet ihre Erscheinung doch in eine andere Richtung. Diese Serie läßt uns noch stärker die oben erwähnte Präsenz der Bildeindrücke im Kontext einer neuen räumlichen Ausdrucksform spüren – wie ein buntes Kaleidoskop mit asymmetrisch wechselnden Anordnungen von Kristallen, die aus taufrischen Gedanken und Gefühlen bestehen.

Übersetzung: Dr. Paul Hennig

PAOLA FACCHINA

Kunsthistorikerin, Florenz, Italien

ESPLORAZIONI – Sculture e disegni di viaggio di Friederike Oeser

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Paola Facchina

ESPLORAZIONI – Sculture e disegni di viaggio di Friederike Oeser

Gli esploratori amano considerare le emozioni come strumenti conoscitivi, sono aperti al nuovo per entrare in luoghi non dettati solamente dalla fascinazione di paesi ignoti, di nuovi spazi geografici, ma anche interiori. Le sculture e i disegni di viaggio dell’artista tedesca Friederike Oeser nascono da esplorazioni: sono itinerari di emozioni, di incontri con persone e oggetti, forme e idee, colori e suoni. Sono le voci dei passanti, le loro parole, ma anche le iscrizioni in lingue diverse ad entrare nelle sue opere. Nello spazio di un foglio si stratificano così voci e pensieri. “Scrivo per percorrermi. Dipingere, comporre, scrivere: percorrermi. E’ lì l’avventura di essere in vita” scriveva il poeta Henri Michaux.

Friederike Oeser si sposta in continuazione per seguire la sua arte, è un’artista itinerante che in ogni viaggio è alla ricerca di una corrispondenza intima tra l’atmosfera di certi luoghi e lo spazio bianco di un foglio; esplora quello che in musica si chiama accordo musicale, che diviene nella sua opera una sorta di accordo cromatico, con masse di colore armoniosamente disposte. Come di una sinfonia non ci preoccupiamo di cogliere ogni singola nota, né di trovare una qualsiasi dipendenza diretta dalla natura, così, sia nei disegni che nelle sculture, troviamo il senso del segno, del volume e del colore che non rimandano ad altro fuori da sé, sono forme astratte per uno sguardo che rende visibile ciò che visibile non è, esplorazioni interiori che si mescolano ai frammenti del mondo.

Con la sua forza espressiva e con il solo uso delle cere ad olio la mano traccia, crea e raccoglie forme in cui la Oeser vede la propria evoluzione e libertà fino a renderli tridimensionali. Le sue opere si caratterizzano per variazioni di colori tracciate senza possibilità di correzione, in gran parte immaginate senza mai coprire per esteso il foglio, lasciando “passare l’aria” negli spazi bianchi, usando il disegno come forma di conoscenza e stendendo colori che prorompono e invadono il foglio come tramonti accesi.