Die Wirklichkeit ist Ideengeber / Narrativ und offen für viele Interpretationen / Spontan im spielerischen Prozess
Das sind drei Beschreibungen, die in Kurzform konkret die Arbeitsidee von Friederike
Oeser einkreisen.
Dieses Arbeitsdenken setzt sie nicht in einem geschützten Atelier um, sondern
geht in den öffentlichen Raum. Das heißt nicht, dass die Künstlerin kein Atelier
hat und Not gedrungener weise in den ungeschützten Außenraum geht. Nein, das
Atelier ist der Ort für die Vorbereitung der Reisen, für das Planen, ein Ort des
Archivierens.
Von Anfang an war das Leben von der Künstlerin durch Mobilität geprägt. Das Reisen
ist Inhalt geworden. Ein Reisen, das nicht das Abhaken von Ländern bedeutet,
sondern ein Reisen mit vielem Innehalten, dem neugierigen Auge Zeit zu geben,
Gesehenes auf zu nehmen, aus einem Ganzen die Feinheiten und kleinen Hinweise
heraus zu filtern, durch die Oberfläche eines Ortes in das innere Geflecht einzudringen,
um die eigene Wahrnehmungssensibilität zu fordern und zu schärfen.
Es ist ein langer Entwicklungsprozess, der bis zu dieser bewussten, man kann
sagen selbstbewussten Haltung führte. In diesem Entwicklungsprozess hat sich
Friederike Oeser in ihren Arbeiten immer mehr von der geübten Abbildhaftigkeit
gelöst, in der nie die Schönung der Wirklichkeit von Interesse war. In ihrer Detailgenauigkeit
erforschte sie schon Strukturen, die mehr bloß legten, als dass es dem
Betrachter gefiel. Das war besonders bei ihren Portraitarbeiten der Fall.
Auch in der Wahrnehmung von Orten ist die Sprödigkeit, der Verfall ( nicht negativ
gesehen ), die Unordnung mehr als glatte Fassaden oder geschleckte Marktplätze
in ihrem zeichnerischen Fokus. Glattheiten lassen dem Blick wenig Spielraum und
sind mehr für ein schnelles Abhaken geeignet. Erst die kleinen Verwerfungen,
Unebenheiten, Risse u.s.w. geben den Empfindungen den Raum, der Leidenschaft
beim Sehen zulässt. Das verdichtete Bildgeschehen erzählt Geschichten auf unterschiedlichen
Ebenen in einer der Künstlerin eigenen Formensprache, die in
ihrem zeichnerischen Aufbau Geschehnisse, Gesehenes in sich bergen, aber die
Zuordnungskriterien sind der Bildgestaltungsidee der Künstlerin untergeordnet.
Es geht nicht darum, Offensichtliches wiederzugeben. Aus den Realitätsvorgaben
werden Dinge und ganze Partien ausgeblendet und die so entstandenen Formen
werden je nach Wertigkeit neu zusammengefügt. Dadurch ergeben sich viele
Deutungsansätze, die von Betrachter zu Betrachter variieren, und das Unternehmen,
eine eindeutige inhaltliche Deutung zu versuchen, wird scheitern.
Die Arbeiten besitzen die Qualität, die die Fähigkeit anstößt, neue Entdeckungen
direkt oder indirekt machen zu können. Da die Bilder in ihrer mehr hellen und
luftigen Farbigkeit keine negative Ausstrahlung haben, wird uns der Zugang erleichtert.
Trotzdem fordert das Lesen der Bilder von Friederike Oeser von uns die
gleiche Konzentration und die Leidenschaft, die von der Künstlerin in die Entstehung
der Bilder gelegt wurde.
Friederike Oeser ist eine Zeichnerin aus Überzeugung, sei es, aus dem Gefühl
heraus, dass sie in der Zeichnung eine stärkere Eigencharakteristik entwickeln
kann oder sei es, dass der Kontakt zwischen ihr und dem zu bearbeitenden Papier
durch den Zeichenstift, der Ölkreide direkter als mit dem Malpinsel ist. Sie
spürt die Leichtigkeit des Stiftes, wenn zarte oder flüchtige Linien über das Papier
huschen oder sie spürt die Schwere der Ölkreide, wenn sie eine verdichtete Farbfläche
gestaltet, eine grobe schwere Linie oder ein fragmentarisches Kürzel setzt.
Diese zeichnerischen Mittel deuten Wege durch das Bild an ohne an einen Deutungspunkt
zu führen. Kein roter Faden führt durch die Bildwelt. Die Linien wiederholen
sich nicht und sind auch nicht begrenzend.
Wir müssen immer wieder neu ansetzen und uns durch neue Farbfelder tasten
oder den in ihrer Unterschiedlichkeit der Dichte den kurzen oder fragmentarischen
Verweisen folgen und werden mit immer neuen Entdeckungen belohnt. Wie
es, in der sie umgebenden Wirklichkeit, keine Wiederholungen gibt, so finden wir
in den Bildern ebenso keine Wiederholungen. Auch, wenn wir diese vermuten, da
die Bilder durch die der Künstlerin eigenen Charakteristik Ähnlichkeiten besitzen,
so sind es eben Ähnlichkeiten, aber keine Wiederholungen.
Nur beim Papierformat können wir sie finden.
Die Papierformate sind fast immer quadratisch.
Das Quadrat ist nicht nur eine kunstgeschichtlich wichtige Formatfestlegung.
Friederike Oeser arbeitet, wie gesagt im Öffentlichen Raum, und so besteht das
Arbeitsinterieur nur aus zwei Böcken, auf denen eine Platte liegt und hierauf bearbeitet
sie ihre Papiere. Das Quadratformat hat durch die gleichen Seitenlängen
von allen Seiten die gleichen Ausgangspunkte bei der Bearbeitung und so kann
sie das Papier immer wieder drehen und von diesem neuen Punkt unter gleichen
Bedingungen die Bearbeitung weiter fortführen.
Wie wir sehen, bleibt der Hintergrund immer offen, die Ecken werden nicht besetzt
und so scheinen die Bildinhalte wie Raumschiffe auf der Papierfläche zu
schweben. Skurrile Raumschiffe, inhaltsschwer im Mittenbereich. Durch große
Farbdichte oder größere Flächeneinheiten geprägt, entsteht durch diese Verdichtung
eine Eigendynamik. Ein zeichnerischer Ideenkörper nimmt mit uns Kontakt
auf, durchzogen von feinnervigen Strichen, die nicht künstlich aufgesetzt sind,
sondern immer wieder aus dem Gesamten herauswachsen. Sie verselbstständigen
sich und machen sich frei von dem Darunter. Es sind Bildgeschehnisse, die narrativ
und offen für viele Interpretationen sind. So bleibt die Wirklichkeit Ideengeber.
Spontan, wie im spielerischen Prozess entwickelt, sind die Bilder fertig, wenn die
Künstlerin den gewählten Beobachtungsort wieder verlässt. Weitgehendst wird
bei dem Entstehungsprozess nicht korrigiert. Bilder entstehen, wie Momentaufnahmen
einer kleinen Zeiteinheit, eines kleinen Ortsausschnittes, eng mit dem
Orterlebnis – seien es die Menschen, die Witterung, das Licht u.s.w. – verbunden,
aber in der Gestaltung unabhängig davon.
Klaus von Gaffron (1. Vorsitzender BBK Berufsverband Bildender Künstler)