Hanne Weskott über Friederike Oeser
Die Welten festhalten
Erschöpft lässt sich eine junge Familie auf einer Parkbank im Zoo nieder. Da kommt ein frecher kleiner Spatz und pickt einen Krümel auf. "Schau ein Vogel", ruft die fünfjährige Tochter. Die große Welt der Tiere hat dem Kind die Sinne geschärft, auch für die kleine Welt um sie herum. Für es gilt noch nicht, was der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel in einer seiner zahlreichen Kolumnen feststellt: "Die Welt ist klein geworden, weil sie nicht mehr im Kleinen stattfindet." Und: "Wir verlieren die Welt, weil wir die Welten verlieren." Wenn man Kindern Zeit lässt, entdecken sie immer neue Welten, aber leider heißt es heut meist nur noch: "Beeil' dich!". Diese Beschneidung der kindlichen Welt bedeutet für das Kind einen herben Verlust, der Verlust seiner eigenen kleinen Welten, zu der das vermeintliche Vertrödeln der Zeit ebenso gehört, wie das genaue Beobachten der scheinbar unwichtigen Vorgänge des Alltags. Denn, wer von den Erwachsenen lauscht noch in aller Ruhe den Gesprächen im Wirtshaus oder Biergarten, wer schaut den Bauern auf dem Markt oder dem Mann am Schreibtisch in dem kleinen Büro zu, in dem das Fenster wegen der Hitze offen steht? Kinder würden sofort bemerken, wenn ihm die Asche von der Zigarette herunterfällt oder er sich mit dem Bleistift am Kopf kratzt, aber sonst? Die Künstler selbstverständlich, die Zeichner und Maler, die Dichter und Schriftsteller. Sie sorgen dafür, dass die kleinen Welten nicht ganz verloren gehen.
Eine, die sich fast ausschließlich auf diese kleinen Welten konzentriert, ist Friederike Oeser. Ihr Atelier ist nur noch Werkstatt, in der gerahmt, sortiert und aufbewahrt wird. Die eigentliche künstlerische Arbeit aber findet draußen statt: im Cafe, im Museum, am Flughafen, im Biergarten, eigentlich überall, wo Menschen zusammenkommen, zufällig oder absichtlich, nicht um die große Welt zu verändern, sondern ihr kleines Leben zu leben. Überall kann Friederike Oeser mit ihrem Skizzenblock, den dicken Malkreiden, den Bunt - und Bleistiften und manchmal auch dem Kugelschreiber auftauchen. Sie setzt sich in eine Ecke, beobachtet, und irgendwann beginnt sie zu zeichnen und zu malen, schreibt in Bildern nieder, was sie sieht und hört. Dabei geht es nicht um eine detailgerechte realistische Schilderung, sondern um eine künstlerische Reaktion, in der Einzelheiten der Wahrnehmung als Kürzel vorkommen: ein Geländer, ein Fuß, eine Hand, ein Stuhl. Manchmal sind auch skizzierte Portraits dazwischen, weil sie einfach für ihr Leben gern portraitiert. Einzelne Wörter tauchen auf und ganze Texte, Zahlen, Datums - und Ortsangaben. Immer spielt sich das Bildgeschehen auf unterschiedlichen Ebenen ab, aber ohne dass ein illusionistischer Raum konstruiert wird. Das Auge muss vor - und zurückspringen und sucht vergeblich nach einem Halt oder einer Orientierung, weil eine vorgegebene Leserichtung nicht existiert. Die Geschichten, die Friederike Oeser in ihren meist kleinformatigen Zeichnungen erzählt, entfalten sich nicht linear, sondern sind von jedem Punkt aus zu dechiffrieren, wobei ein einmal erzieltes Ergebnis keinesfalls absolut zu nehmen ist. Beim nächsten Mal, ja schon wenige Minuten später kann es ganz anders aussehen. Normalerweise arbeitet sie in Serien, deren Zusammenhalt aus einer örtlich-zeitlichen Klammer besteht, das heißt, sie sind am selben Ort in einer Arbeitsphase entstanden, erzählen aber dennoch keine fortlaufende Geschichte, sondern viele kleine Geschichten oder auch dieselbe mehrfach, aber auf unterschiedliche Weise.
Anders als die Pleinair-Maler des 19. Jahrhunderts, die mit der Staffelei auf dem Rücken in die Natur zogen, sucht Friederike Oeser nicht Wahrhaftigkeit. Natur - oder Kunstlicht sind ihr ziemlich egal, ebenso Tageszeit und Witterung. Es geht ihr nicht darum, Gesehenes oder Offensichtliches wiederzugeben, sondern aus dem Erlebten ein Bild zu machen, das einerseits eng mit dem Erlebnis zusammenhängt, andererseits in seiner Gestaltung davon völlig unabhängig ist. Die Wirklichkeit ist nur eine Art Stichwortgeber. Deshalb sucht sie auch nicht die großen, weltbewegenden Ereignisse, sondern die kleinen Welten, den Alltag, das Unspektakuläre, auf das sie ohne große Vorbereitung reagieren kann. Im Zentrum ihrer Kunst steht letztenendes sie selbst. Es ist ihr Blick, ihre Art der Weltsicht, ihr Umkreisen der Wirklichkeit, die sie wie Musik umgibt und ihr die Inspiration zur Umsetzung in Kunst verleiht. Nur so kann sie für ihre Bilder und Zeichnungen die angestrebte Offenheit erreichen, kann sich ihrer Hand überlassen und mit den Stiften frei fabulierend Linien ziehen, Farben wählen und Formen entwerfen. Nur so wird jede Erklärung der Bilder von Friederike Oeser von den Urelementen, Farbe, Linie, Fläche ausgehen und nach inhaltlichen Deutungsversuchen auch dorthin wieder zurückkehren, weil die Botschaft eine rein malerische und keine inhaltliche ist. Deshalb gibt es auch nicht die Deutung, sondern viele Deutungen. Friederike Oeser will mit ihrer Kunst nicht ein Bild der Welt entwerfen, sondern die Phantasie des Betrachters anregen, ihn dazu animieren, wie die Kinder, wenn man ihnen Zeit lässt, die kleinen Welten aufmerksamer wahrzunehmen und so immer neue Entdeckungen zu machen.